Eine neue IEC-Norm sorgt derzeit für Aufruhr in der Balkonkraftwerk-Community. Was bedeuten die geplanten Änderungen für dich als Betreiber oder potentieller Käufer einer Stecker-Solaranlage? Erfahre hier, welche Regelungen diskutiert werden und warum Experten Alarm schlagen.
Was will die neue IEC-Norm ändern?
Die Internationale Elektrotechnische Kommission (IEC) als internationaler Normengeber hat neue Regelungen für Balkonkraftwerke vorgeschlagen, die grundlegende Änderungen bedeuten würden. Anders als nationale Normengeber wie der VDE betrifft eine IEC-Norm zunächst nicht automatisch alle EU-Länder – hier wird noch gesondert entschieden.
Die IEC-Norm sieht zwei wesentliche Änderungen vor: Erstens dürfen Balkonkraftwerke künftig nur noch an Endstromkreise angeschlossen werden, nicht mehr an herkömmliche Verbrauchsstromkreise. Zweitens soll der bewährte Schukostecker durch spezielle, proprietäre Steckersysteme ersetzt werden.
Der entscheidende Unterschied: Verbrauchsstromkreis vs. Endstromkreis
Um die Tragweite der geplanten IEC-Norm zu verstehen, musst du den Unterschied zwischen beiden Stromkreisen kennen. Ein Verbrauchsstromkreis ist das, was du aus deinem Wohnzimmer kennst: Eine Leitung aus dem Zählerschrank, an der mehrere Steckdosen hängen – für Fernseher, Stehlampe oder Stereoanlage. Diese durchgeschliffenen Steckdosen bilden einen Verbrauchsstromkreis.
Nach den aktuellen deutschen Regeln darfst du dein Balkonkraftwerk bis 800 Watt genau dort anschließen. Das funktioniert, weil Experten einen sogenannten Reservestrom nachgewiesen haben, der eine zusätzliche Belastung der Leitung erlaubt.
Ein Endstromkreis hingegen ist eine Steckdose, die direkt zur Hausverteilung läuft – im schlimmsten Fall bei Mietwohnungen sogar bis hinunter in den Keller. Diese Steckdose ist direkt auf einer eigenen Sicherung aufgelegt und wird von dieser ein- und ausgeschaltet. An Endstromkreise werden normalerweise leistungsstarke Geräte angeschlossen: Waschmaschine, Trockner, einfasiger E-Herd oder große Grills. Das Wichtige dabei: Es darf nichts anderes dazwischen angeschlossen werden.
Warum die IEC-Norm problematisch ist
Die geplanten Änderungen bringen massive praktische Probleme mit sich. Für Eigenheimbesitzer wäre ein Umbau auf Endstromkreise noch theoretisch machbar – wenn auch mit erheblichem Aufwand. Doch sobald es um Mietwohnungen geht, wird es extrem problematisch.
Das Problem liegt in der Realität des deutschen Wohnungsbaus. Die Balkonkraftwerke-Steckdose läuft bei den meisten Mietwohnungen nicht als separater Endstromkreis, sondern ist eine durchgeschliffene Verbrauchssteckdose. Der Elektriker bohrt durch das Wohnzimmer durch und setzt die Balkonkraftwerksteckdose – damit ist es automatisch ein Verbrauchsstromkreis.
Würde die IEC-Norm umgesetzt, müsstest du als Mieter nicht nur die Erlaubnis deines Vermieters einholen, sondern auch einen Elektriker beauftragen. Dieser müsste Wände aufmachen, neue Kabel verlegen, Wände wieder schließen und möglicherweise Durchbrüche durch mehrere Stockwerke schaffen. Bei Kosten von mindestens 70 Euro pro Stunde würde sich dein Balkonkraftwerk niemals amortisieren.
Besonders problematisch: Der Mietwohnungsbereich
Deutschland hat 24 Millionen Wohneinheiten, davon sind etwa 560.000 bis 580.000 Mehrparteienhäuser. Würde die IEC-Norm tatsächlich umgesetzt, hätten alle diese Haushalte praktisch keine Chance mehr, ein Balkonkraftwerk zu betreiben.
Welche Argumente werden gegen die Benutzung des Schukosteckers vorgebracht?
Auffällig ist, dass die IEC-Norm exakt die gleichen Argumente aufgreift, die bereits vor 15-20 Jahren gegen Balkonkraftwerke vorgebracht wurden: Der Schukostecker sei lebensgefährlich, es finde eine Überlastung der Leitung statt, und der Unterschied zwischen Verbrauchs- und Endstromkreis werde nicht verstanden.
Diese Argumente konnten damals bereits widerlegt werden. Trotz über einer Million angemeldeter Balkonkraftwerke und geschätzten 5 Millionen Geräten im deutschsprachigen Raum ist bis heute kein einziger Schaden durch den Schukostecker-Anschluss dokumentiert.
Wer steckt mutmasslich hinter den neuen Regelungen?
Die Motivation für die erneuten Regulierungsbestrebungen liegt möglicherweise in wirtschaftlichen Interessen. Normengremien sind private technische Vereine mit Empfehlungscharakter, in denen auch Netzbetreiber sitzen. Diese verlieren durch die wachsende Eigenstromerzeugung erhebliche Einnahmen.
2023 wurden in Deutschland 126 Milliarden Kilowattstunden als Eigenverbrauch erzeugt und sofort verbraucht. Bei einem angenommenen Netzentgelt von 10 Cent pro Kilowattstunde entspricht das 12,6 Milliarden Euro, die den Energieversorgern entgangen sind. Balkonkraftwerke und andere dezentrale Anlagen kratzen damit direkt am Geschäftsmodell der Netzbetreiber.
Deutschland als Vorreiter in Gefahr
Deutschland hat sich in den letzten Jahren zum europäischen Vorreiter bei Balkonkraftwerken entwickelt. Mit dem Solarpaket 1 wurden die Regeln weiter vereinfacht: 800 Watt sind jetzt nur mit Eintragung ins Marktstammdatenregister erlaubt, der bürokratische Aufwand wurde reduziert.
Diese Erfolgsgeschichte könnte durch die IEC-Norm gefährdet werden. Wenn Deutschland den internationalen Vorgaben folgt, wäre die Energiewende von unten, wie sie bisher funktioniert, praktisch beendet.
Was du jetzt tun solltest
Bestandsanlagen sind nicht rückwirkend betroffen – genau wie bei einem Führerschein kannst du erworbene Rechte nicht einfach nachträglich entziehen.
Die Rentabilität von Balkonkraftwerken ist heute besser denn je. Mit zwei Modulen und einem Wechselrichter erzeugst du etwa 600 Kilowattstunden pro Jahr. Selbst wenn du nur die Hälfte davon selbst verbrauchst, hast du die Anlage nach zwei Jahren amortisiert. Mit zusätzlichen Speichern wird die Eigenverbrauchsquote noch höher.
Der DIY-Markt boomt wie nie zuvor. Immer mehr Menschen erkennen, dass sie ihre Energieversorgung selbst in die Hand nehmen können und wollen. Diese Bewegung lässt sich nicht mehr aufhalten.
Fazit: die Energiewende von unten ist in Gefahr
Die geplante IEC-Norm würde die erfolgreiche deutsche Energiewende von unten massiv behindern. Millionen von Haushalten in Mietwohnungen würden praktisch von der dezentralen Stromerzeugung ausgeschlossen. Die Argumente gegen Balkonkraftwerke sind dieselben wie vor 20 Jahren – und konnten damals bereits widerlegt werden.
FAQ zur IEC-Norm und Balkonkraftwerken
Ist die IEC-Norm bereits in Deutschland gültig?
Nein, die IEC-Norm ist eine internationale Empfehlung. Ob und wie sie in deutsches Recht übernommen wird, entscheidet sich separat. Aktuell gelten weiterhin die bewährten deutschen Regelungen.
Muss ich mein bestehendes Balkonkraftwerk umbauen?
Bestandsanlagen sind normalerweise nicht rückwirkend von Regeländerungen betroffen. Dein bereits installiertes Balkonkraftwerk dürfte auch bei einer Regeländerung weiter betrieben werden.
Warum ist der Schukostecker plötzlich wieder ein Problem?
Das ist er nicht. Trotz Millionen installierter Balkonkraftwerke mit Schukostecker ist bis heute kein Schaden dokumentiert. Die Sicherheitsbedenken basieren nicht auf realen Problemen.
Was kostet die Umrüstung auf einen Endstromkreis?
Die Kosten variieren stark je nach baulichen Gegebenheiten. Bei Elektrikerstundensätzen ab 70 Euro und dem nötigen Aufwand (Wände öffnen, Kabel verlegen, wieder schließen) können schnell mehrere hundert bis tausend Euro zusammenkommen.
Sollte ich jetzt noch ein Balkonkraftwerk kaufen?
Ja, unbedingt. Je mehr Menschen jetzt aktiv werden, desto schwieriger wird es, bewährte Technologien zu blockieren. Die Rentabilität ist heute so gut wie nie zuvor.